| Komponisten A-L Zeitgenössische Musik |
| Komponisten M-Z Zeitgenössische Musik |
| Komponisten/Autoren Bühnenwerke |
| Werke nach Gattungen/Genres |
| Werkausgaben |
| Instrumentalschulen und Unterrichtsliteratur |
| Kammeropern |
| Orpheus – der klingende Opernführer |
| Musikbücher, Wissenschaftliche Publikationen |
| Schnellsuche |

© 2010
G. Ricordi & Co. München
Diese Seite befindet sich im Aufbau, daher sind noch nicht alle Inhalte verfügbar.
Für Informationen zu den zeitgenössischen Komponisten bei Ricordi klicken Sie hier.
Alle lieferbaren Verkaufsausgaben finden Sie im Webshop.
Der Nestor der österreichischen Gegenwartsmusik Friedrich Cerha, am 17. Februar 1926 in Wien geboren, erhält am 22. Juni in München den Siemens-Musikpreis 2012. Damit wird ein kompositorisches Schaffen gewürdigt, dessen zahlreiche (und erfreulicherweise immer noch zahlreicher werdende) Stationen von nie nachlassendem Forscherdrang und immenser musikalischer Imaginationskraft künden. Bereits sein frühes Schaffen – zehn zunächst bei der Edition Modern Wewerka erschienene Werke finden sich seit vergangenem Jahr im Katalog von Ricordi München – zeigen einen Komponisten, der sich über nahezu sieben Jahrzehnte seines Wirkens mit großen Schritten ins kulturelle Gedächtnis der Musikwelt eingebrannt hat. Zahlreiche seiner Kompositionen sind längst unverzichtbarer Bestandteil des Kanons jüngerer Musikgeschichte. Und damit ist es Friedrich Cerha gelungen, auf die von ihm Anfang der 50er Jahre selbst vertonten skeptischen Fragen des persischen Dichters Omar Khajjam (gest. 1123) eine durchweg positive Antwort zu geben. „All unser Leben und Streben – was taugt’s? All unser Wirken und Weben – wer braucht’s? Im großen Schicksalsofen verbrennt so vieles Edle und Gute – wo raucht’s?”. „Es taugt! Wir brauchen’s! Nichts raucht!”, möchte man ergänzen...
Den zitierten Vierzeiler vertonte Cerha zwischen 1949 und 1955 als zehntes Gedicht in seinen "10 Rubaijat des Omar Khajjam" für gemischten Chor. In den zehn individuell stark ausdifferenzierten Vokalsätzen von oftmals Webern’scher Knappheit werden dem vier- bis achtstimmigen Chor zwischen fließend-polyphonem Gesang und teils heftig aufbegehrender rhythmischer Deklamation feinste Ausdrucksnuancen abverlangt. Die Beschäftigung mit der tiefgründigen, existentiellen Fragen nachspürenden Lyrik Khajjams führte 1957 zu einer weiteren Komposition, den "Sieben Rubaijat des Omar Khajjam" für Sopran (oder Tenor) und Klavier, die laut Cerha ohne größere Pausen zwischen den Liedern als Zyklus aufzuführen sind.
Bereits Ende der vierziger Jahre begonnen wurden zwei Instrumentalkompositionen Cerhas, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Einerseits handelt es sich dabei um die nach einer Adagio-Einleitung hauptsächlich „con fuoco” und orchestral massiv auftretende "Sinfonia in un movimento" (1947-50), andererseits um die aphoristischen "Sechs kleinen Klavierstücke" (1948/56) mit ihren teils aneinander gereihten, teils ineinander verwobenen vielgestaltigen Einzelgesten, verbunden mit großer rhythmischen Ausdifferenzierung und weit gespreizter Intervallik.
Zwei Werke für Violine und Klavier finden sich im Katalog von Ricordi München: Die "Deux éclats en reflexion" (1956) und das in Darmstadt 1958 von Friedrich Cerha an der Geige selbst uraufgeführte "Formation et solution" (1956/57). Beide Werke lösen sich von herkömmlicher Taktordnung und lassen auch in der Handhabung der Instrumente eine gewonnene Freiheit erkennen: stark ausdifferenzierte Streicherfarben, Cluster, Glissandi und das Spiel im Klavierinnenraum, dazu Resonanzeffekte im Zusammenspiel von Violine und Klavier ergeben ein äußerst abwechslungs- und kontrastreiches musikalisches Geschehen. Stilistisch mit diesen Duo-Kompositionen verwandt ist das strukturell allerdings etwas dichtere "Klavierstück" 1958, das die virtuosen Anforderungen an den Pianisten noch einmal steigert und durchweg auf drei Notensystemen notiert ist.
Die umfangreichste und vielleicht auch substantiellste Partitur im Programm des Ricordi Verlags ist das mit zwei (teils geräuschhaft) vokalisierenden Frauenstimmen und neun Schlagzeugpartien höchst ungewöhnlich besetzte, ca. 25-minütige Konzert für Cembalo und Kammerorchester mit dem Titel vielsagenden Titel "Relazioni fragili", das Friedrich Cerha 1957 komponiert und seiner Frau gewidmet hat. In insgesamt vier Sätzen geht das Soloinstrument die mannigfaltigsten „zerbrechlichen Beziehungen” zum es umgebenden Ensemble ein. Das Spektrum reicht dabei von kammermusikalischer Transparenz über Ausflüge ins rein Perkussive bis hin zur quasi-stochastischen Verdichtung zahlloser instrumentaler Einzelimpulse.
Zwei Ensemblewerke komplettieren das Ricordi-Portfolio mit Kompositionen Friedrich Cerhas. Beide sind Anfang der 60er Jahre entstanden: Die "Fantasien nach Cardew’s Herbst 60" (1962/63) bilden eine Ausarbeitung jener ersten Partitur indeterminierter Musik, die Cornelius Cardew unter dem Titel "Autumn 60" vorgelegt hat. Die von Cerha hierfür gewählte Besetzung umfasst Klarinette, Bassklarinette, Tenorsaxophon, Klavier und ein Streichtrio. "Phantasma 63" ist für ein größeres Kammerensemble aus je fünf Bläsern und Streichern, vier Schlagzeuger und eine Hammondorgel mit drei Spielern komponiert. Die Verwendung von ausgedehnten Klangflächen, begrenzter Aleatorik und Space Notation in Verbindung mit vielen ungewöhnlichen Klangeffekten verweist sicherlich auch auf den zu jener Zeit bereits begonnenen epochalen Wurf des orchestralen Zyklus’ "Spiegel I-VII" (1960-72).
Der Ricordi-Verlag gratuliert Friedrich Cerha zur hochverdienten Würdigung (mithin ein weiterer Schritt ins kulturelle Gedächtnis der Musikwelt!) und wünscht noch viele Jahre reichen Schaffens!