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Emmanuel Nunes

Nachruf und Porträt zum Tode von Emmanuel Nunes

Biografie

*31.8.1941 Lissabon / Portugal, † 2.9.2012 Paris

Studium (Harmonielehre und Kontrapunkt) an der Musikakademie Lissabon
1964 Übersiedlung nach Paris
1963-65 Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik (Kurse von Pierre Boulez und Henri Pousseur)
1965-1967 besucht er die Kurse an der Rheinischen Musikschule in Köln; er studiert Komposition bei Henri Pousseur und Karlheinz Stockhausen, elektronische Musik bei Jaap Spek, Phonetik bei Georg Heike.
1970-74 Stipendiat des portugiesischen Erziehungsministeriums; Arbeit an der Doktorarbeit über Anton Webern an der Sorbonne
1971 „Premier Prix d’Ésthétique Musicale” am Konservatorium Paris (in der Klasse von Marcel Beaufils)
1976/77 Stipendium der Gulbenkian-Stiftung; Lehrbeauftragter an der Universität Pau
1977 Uraufführung des Orchesterwerkes (mit Tonband) „Ruf“ in Royan und Donaueschingen (Ltg. Ernest Bour)
1978/79 auf Einladung des DAAD als „composer-in-residence” in Berlin
1980 „Journée Emmanuel Nunes” in Paris (Radio France); er erhält vom französischen Kulturministerium die „Bourse de la Création”.
Seit 1981 Leiter der Kompositionsseminare der Gulbenkian-Stiftung in Lissabon
1982 Vortrag an der Harvard University in Cambridge (Mass.) über seine Musik (auf Einladung von Ivan Tcherepnin)
1985 einwöchiges Seminar am IRCAM-A.R.I. über das Thema „L’attitude instrumentale” auf Einladung von Pierre-Yves Artaud; italienische Erstaufführung von „Ruf” bei der Musikbiennale Venedig; Uraufführung des Orchesterwerkes „Tif’Ereth” in Paris (Auftrag der Union der Europäischen Rundfunkanstalten UER)
1986 zweiwöchiges Atelier bei den Darmstädter Ferienkursen (in Fortsetzung des IRCAM-Seminars von 1985); Uraufführung seines Werkes für Ensemble und Live-Elektronik „Wandlungen” bei den Donaueschinger Musiktagen (Ltg. E. Bour); Offizier des „Ordre des Arts et des Lettres du Gouvernement Français”
1986-92 Lehrauftrag für Komposition an der Musikhochschule Freiburg (Institut für Neue Musik); regelmäßige Einladungen zum Unterricht am Konservatorium Paris
1987 mit „Wandlungen” Tournee nach Lissabon und Köln (Weltmusiktage der IGNM); Uraufführung von „Duktus” (Ltg. E. Bour, Auftrag der Fondation Maeght)
1988 Uraufführung von „Clivages I und II” (Turin)
Seit 1989 regelmäßige Arbeitsaufenthalte am IRCAM, Paris.
Seit 1990 Lehrer für Kammermusik und Komposition am Konservatorium Romainville (bei Paris)
1991 vom portugiesischen Präsidenten zum „Comendador da Ordem de Santiago da Espada” ernannt; im Mai Uraufführung von „Quodlibet” im Coliseu Lissabon (das Werk wurde eigens für diesen Saal konzipiert)
1992 Februar: Uraufführung von „Lichtung I” in Paris (Auftrag des Ensemble InterContemporain und des IRCAM); Uraufführung von „Chessed IV” im Juni in Bologna; ebenfalls im Juni Uraufführung von „Machina Mundi” (Lissabon und zur Weltausstellung in Sevilla, Auftrag der portugiesischen Regierung zum Kolumbus-Jahr); Hauptkomponist beim Pariser „Festival d’Automne“ (u.a. Uraufführung der endgültigen Fassung von „Machina Mundi”); Aufführungen beim Edinburgh Festival
Seit 1992 Professor für Komposition am Konservatorium Paris.
1994 Uraufführung der revidierten Fassung von „Chessed IV“, 1996 von „Omnia mutantur nihil interit“ jeweils im Rahmen des Festival d’Automne, Paris
1996 Ernennung zum Dr. h.c. der Université de Paris VIII
1998 erscheint der Schriftenband „Emmanuel Nunes. Textes réunis par Peter Szendy“ im Verlag L’Harmattan, IRCAM, Paris; Portraitkonzert im Grande Auditorium Gulbenkian Lissabon (UA Erstfassung „Musivus“)
1999 Portraitkonzerte beim Ars Musica Festival in Brüssel
1999 erhielt er den CIM-Preis der UNESCO, 2000 den Pessoa-Preis.
2000 Uraufführung von „Lichtung II“ (Gesamtfassung) mit dem Ensemble Intercontemporain am IRCAM Paris; Portraitkonzerte bei den Tagen für Neue Musik Zürich.
2001 erscheint „Hélène Borel, Alain Bioteau, Éric Daubresse: Emmanuel Nunes. Compositeur portugais XXe siècle“, herausgegeben vom Centre Culturel Calouste Gulbenkian, Paris; Uraufführung von „Musivus“ (definitive Fassung) in Köln
2002 Dozent bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt.
2003 Uraufführung von „Improvisation I / Für ein Monodram“ bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik; Uraufführung von „Nachtmusik II“ (Neufassung) bei den Donaueschinger Musiktagen
2005 Portraitkonzerte beim Archipel Festival in Genf (u.a. mit „Quodlibet“); Uraufführung der erweiterten Fassung von „Improvisation I“ im Rahmen der Salzburger Festspiele; Uraufführung von „Chessed I“ (Neufassung) in Köln (Auftrag der MusikFabrik NRW).

Viele seiner Werke entstanden als Kompositionsaufträge der Stiftung Calouste Gulbenkian und wurden im Rahmen der wichtigsten internationalen Musikfestivals und Konzertreihen aufgeführt.

Weitere Informationen über Emmanuel Nunes in der Médiathèque des Ircam Paris (in französischer Sprache).

Das Abreißen eines mächtigen Stroms

Zum Tode von Emmanuel Nunes (1941-2012)

Der Schock sitzt tief über das unvermittelte Abreißen eines mächtigen Stroms, der die weite Landschaft der Gegenwartsmusik seit über vier Dekaden unübersehbar durchzog und mit Leben spendendem Elixier versorgte. Kaum besser als mit einem solch mächtigen Strom – reich an überraschenden Stromschnellen und Unterströmungen, Wirbeln und Strudeln, Katarakten und Kaskaden – lässt sich das Schaffen von Emmanuel Nunes vergleichen.

Nicht ein Jahr ist es her, dass er anlässlich seines 70. Geburtstags die Gratulationen solcher Persönlichkeiten wie Pierre Boulez, Maurizio Pollini, Marco Stroppa, Philippe Manoury, Peter Rundel oder Sylvain Cambreling entgegen nehmen konnte (dokumentiert in einer 100-seitigen Publikation, erschienen im Ricordi Verlag München), da erweisen sich die zahlreich überbrachten guten Wünsche angesichts einer tückischen, rapide verlaufenen Krankheit als furchtbar vergeblich. Jäh heraus gerissen wurde Nunes aus mehreren, bereits weit gediehenen Kompositionsprojekten wie zuletzt dem Zyklus aus elektronisch erweiterten Ensemblewerken zu Elias Canettis Jahrhundertroman „Die Blendung“, dessen erster vollendeter Teil „Peter Kien – Eine akustische Maske“ im Rahmen der diesjährigen Wittener Tage für Neue Kammermusik unter Beteiligung des Komponisten eine packende Uraufführung erlebte. Insgesamt vier Teile, jeweils verbunden mit den besonderen sprachlichen Eigenheiten – den „akustischen Masken“ (Canetti) – bestimmter Romanfiguren, waren geplant. Auch die beiden Zyklen der „Improvisationen“ und der „Épures du serpent vert“, jeweils verschwistert mit seinen in ihrer Bedeutung in Mitteleuropa noch kaum erkannten Beiträgen zum Musiktheater, der Oper „Das Märchen“ (nach Goethe) und dem Musiktheater „La Douce“ (nach Dostojewski) bleiben nun unvollendet. Doch weit wichtiger ist von nun an die Konzentration auf das wachsende Engagement seitens der Veranstalter für die zahlreichen grandiosen kompositorischen Errungenschaften von Emmanuel Nunes.

Bereits mit seinem ersten veröffentlichten Werk, dem Streichtrio „Degrés“ von 1965, erklang die charakteristische Stimme eines höchst eigenwilligen Komponisten, der kurz zuvor in seiner Geburtsstadt Lissabon ein Studium der Komposition abgeschlossen und sich auf den Weg nach Darmstadt und Köln gemacht hatte, um dort für seine künstlerische Arbeit weitere Anregungen – vor allem durch Karlheinz Stockhausen und Henri Pousseur – zu empfangen. Den internationalen Durchbruch dürfte Nunes seinem großen Orchesterfresko „Ruf“ (1975-77) verdanken, das 1977 unter der Leitung von Ernest Bour in Royan uraufgeführt wurde. Ende der 70er Jahre begann der Musikverlag Ricordi Nunes’ Werke herauszugeben, und es folgte eine in jeder Hinsicht beeindruckende Reihe groß angelegter Kompositionen, die hinsichtlich der äußeren wie der inneren Dimensionen der Musik jeglichen herkömmlichen Rahmen zu sprengen schienen. Zu nennen sind hier „Tif’Ereth“ (1978-85) für sechs Solisten, sechs Orchestergruppen und zwei Dirigenten, „Wandlungen“ (1986) für 25 Instrumente und Live-Elektronik, „Quodlibet“ für Schlagzeugsextett, Instrumentalensemble, Orchester und zwei Dirigenten, „Machina mundi“ für vier Soloinstrumente, gemischten Chor, Orchester und Tonband, „Musivus“ für Orchester in vier Gruppen und der Zyklus „Lichtung I-III“ für Kammerensemble und zwölfkanalig projizierte Live-Elektronik.

Die Anforderungen, die Nunes in diesen oftmals abendfüllenden Kompositionen, aber auch in seinen Werken der Kammer- und Ensemblemusik und des Musiktheaters an seine Interpreten wie auch seine Zuhörer stellt, sind immens. Gilt es doch, mit wachen Sinnen ganze Kontinente des Klangs zu erschließen, auf mannigfaltigste Weise musikalisch gestaltete Zeit zu erfassen. Dass ein Visionär und Maximalist wie Nunes es mit seiner Musik in Zeiten schwer hat, da die romantische Pose, das verspielte Tun, das dekorative Handwerk vieler heutiger Erfolgskomponisten hoch im Kurs stehen, ist nicht zu leugnen. Das mag zuweilen sogar dazu führen, dass Musiker wie Veranstalter vor ihrer eigenen Courage, eines seiner Werke zu programmieren, zurückschrecken. Denn Konzessionen an die schlechten Routinen heutiger Aufführungspraxis und Musikrezeption, auch allzu pragmatische Lösungen bei der Umsetzung seiner Partituren sind für Nunes’ Musik nicht erträglich. Doch der aufführungspraktische Aufwand lohnt, denn spätestens dann, wenn die letzte Note gespielt und verklungen ist, wird regelmäßig klar, dass hier einer die allerbesten Gründe für seine maximalen Anforderungen vorbringen kann: starke künstlerische Konzeptionen und bahnbrechende musikalische Visionen, die in jeder Hinsicht überzeugen. Die immer wieder erlebten Beifallstürme nach gelungenen Aufführungen seiner Werke sprechen hier eine klare Sprache.

Das in großer Zartheit gesetzte musikalische Detail, der mit mächtiger Pranke entfesselte orchestrale Sturm bezeichnen in Nunes’ Musik die Extrempunkte eines Kontinuums musikalischer Intensitäten. Dabei ist er ein Meister der feinsten Ausdifferenzierung dieses Kontinuums nach all seinen Parametern. Mit weit ausholenden wie mit konzentriert kleinen, dabei immer plastischen und vielsagenden Gesten in mannigfaltigen inneren wie äußeren Bewegungszuständen wird der musikalische Raum durchmessen. Es ist vielleicht nicht vermessen zu sagen, dass Nunes’ Musik mit ihrem sinnlichen und expressiven Reichtum, in ihrer komplexen Vielschichtigkeit auf sehr treffliche Weise dem Lebensgefühl eines die gegenwärtigen Zeitläufte wach begleitenden und daran teilhabenden Menschen entgegen kommt. Das historisch noch auf viele Jahre hin Unabgegoltene seiner Kompositionen lässt sehr darauf hoffen, dass die großartige und bereichernde Erfahrung dieser Musik in kommenden Zeiten noch weit zahlreicheren Hörern als bisher vergönnt sein wird. Was zu dieser Hoffnung aufs Schönste berechtigt, sind die vielen internationalen, hochkarätigen Dirigenten, Solisten und Ensembles, die dafür auch in Zukunft bereit stehen.

Der aus Portugal stammende Komponist verstarb am 2. September 2012 in Paris, nur zwei Tage nach Vollendung seines 71. Lebensjahres.

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Komponisten M-Z Zeitgenössische Musik

Nunes, Emmanuel